130 Jahre Kameradschaft Wien Süd – Inzersdorf

Vereinsgeschichte ist auch ein Spiegelbild des Zeitgeistes. Die ersten Vereine auf dem Gebiet des heutigen Österreich wurden in der österreichisch-ungarischen Monarchie nach der Revolution von 1848 gegründet. Bereits 1859 wurde die Monarchie ein konstitutioneller Staat. Die Zeit von 1860 bis 1867 bezeichnet man auch als „Epoche der Verfassungsexperimente“. Bereits 1861 entstanden die ersten Fachvereine. Im Jahre 1867 erhielt Österreich eine neue Verfassung. Mit der freien Gemeinde als Grundfeste des Staates kam auch das Vereinsgesetz 1867 zustande, worauf das Vereinswesen einen kolossalen Aufschwung nahm.

Drei alte Soldaten, Thomas Friedreich, Johann Gründler und Franz Jandl regten die Gründung eines Militär-Veteranen-Vereins zu Inzersdorf am Wienerberg an. Der Gemeindearzt Dr. Hans Reisima arbeitete die Statuten aus und wurde auch erster Obmann des Vereins. Der Verein konstituierte sich am 29. Juni 1874 unter dem Namen „Militär-Ve-teranen-Verein Kronprinz Rudolf“. Das Protektorat über den Verein übernahm Kronprinz Erzherzog Rudolf.

Erzherzog Rudolf (1858–1889) war der einzige Sohn Kaiser Franz Josefs I.(1830 – 1916). Bereits im italienischen Krieg 1866 war Erzherzog Rudolf Inhaber eines Regiments, das unter dem Oberbefehl von Rudolfs Onkel, Feldmarschall Erzherzog Albrecht stand. In der Schlacht bei Custozza am 24. Juni 1866 konnten sich die österreichischen Truppen eines glänzenden Sieges rühmen.

Die Fahnenweihe des Vereins mit der Fahnenmutter Erzherzogin Valerie fand 1887 in Anwesenheit von 20 Vereinsmitgliedern statt.

Der Erste Weltkrieg 1914–1918 brachte das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie. Am 11. November 1918 verzichtete Kaiser Karl auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften. Die Anfänge der neuen Republik Österreich begannen mit dem Zusammentreten der „Provisorischen Nationalversammlung“ am 21. Oktober 1918 im niederösterreichischen Landhaus und mit der provisorischen Verfassung vom 30. Oktober 1918. Unsere heutige Bundesverfassung geht im Wesentlichen auf die Verfassung von 1920 in der Fassung von 1929 zurück. Die Bundeshauptstadt Wien wurde 1920 ein eigenes Bundesland.

Der neue Zeitgeist erforderte auch eine Änderung des Vereinsnamens. Daher wurde unter Franz Kohlbeck der Name im Jahr 1921 auf „Kameradschaftsverein ehemaliger Krieger – Inzersdorf bei Wien“ geändert. Im Jahre 1923 errichtete der Verein ein Denkmal für die gefallenen und vermissten Soldaten des Ersten Weltkriegs.

Historisch bemerkenswert ist die Einführung der neue Schillingwährung (1 Schilling = 10 000 Kronen) mit dem „Schillinggesetz“ vom 12. Dezember 1924.

Zum 60-jährigen Bestandsjubiläums des Vereins wurde 1934 die neue Fahne geweiht. Im selben Jahr wurde bei einem nationalsozialistischen Putschversuch der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet, Kurt Schuschnigg wurde sein Nachfolger; die sozialdemokratische und die nationalsozialistische Partei wurden verboten.

Letztlich wurde 1934 auch eine neue, ständestaatliche Verfassung in Österreich eingeführt.

1936 wurde der Vereinsname abermals geändert, und zwar in „Kyffhäuserbund“, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, DDr. Otto von Habsburg wurde zum Ehrenprotektor ernannt.

Der Kyffhäuser ist ein bewaldeter Bergrücken in Thüringen. Auf seinem Nordostkamm steht das 1896 enthüllte Kyffhäuserdenkmal mit einem Reiterstandbild des deutschen KaisersWilhelm I. Die Burg wurde zur Zeit Kaiser Friedrichs I. Barbarossa 1178 zerstört. Hier knüpft auch die „Kaisersage“ an: Im 477m hohen „Kyffhäuser-Berg“ soll der Kaiser schlafen, der eines Tages wiederkehren, und das alte Reich erneuern soll.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen bzw. dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 wurde der „Kyffhäuserbund“ dem „Nationalsozialistischen Reichskriegerbund“ angeschlossen.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 endete jede Vereinstätigkeit in Österreich. Unter der alliierten Besatzung wurden das meiste Vereinsinventar samt den Vereinsunterlagen vernichtet.

Aufgrund des Staatsvertrags von 1955 wurde Österreich als souveräner, unabhängiger und demokratischer Staat wieder hergestellt.

Unter dem Obmann Eduard Kranzl wurde 1957 eine neue Vereinsfahne geweiht, die sich im Liesinger Bezirksmuseum befindet.

Bei der Eingliederung von sieben niederösterreichischen Gemeinden in die Bundeshauptstadt Wien als 23. Wiener Gemeindebezirk wurde der Vereinsname unter Obmann Josef Weber auf „Kameradschaft Wien Süd – Inzersdorf“ geändert.

Mit der großzügigen Spende des Protektors Josef Riegler wurde eine neue Fahne mit der Aufschrift „Kameradschaft Wien Süd – Inzersdorf“ angeschafft und 1979 geweiht.

Seit 1991 wirkt Anton von Koblenc als Obmann des Vereins. Unter ihm kam es 1999 zur Partnerschaft mit dem „Soldaten- und Veteranen-Verein Ried in Bayern“.

Am 5. September 2004 feierte die „Kameradschaft Wien Süd – Inzersdorf“ unter Leitung ihres Obmanns Anton von Koblenc ihr 130-jähriges Bestandsjubiläum. An dieser Feier nahmen Bundesheerangehörige, Kameraden des ÖKB aus den Bundesländern, Abordnungen von Soldaten- und Traditionsvereinen aus Deutschland, Frankreich und Ungarn sowie Angehörige des Vereins ehemaliger Fremdenlegionäre teil. Unter den Klängen der Traditionskapelle des Infanterie-Regiments Nr. 4 und der Eisenbahnerkapelle aus Graz marschierten 350 Personen mit 38 Vereinsfahnen in die St. Nikolaus-Kirche in Inzersdorf ein. Nach dem Gottesdienst wurden die neu renovierte Vereinsfahne und das neu gestaltete Kriegerdenkmal gesegnet.

Die Ansprachen beim Kriegerdenkmal überzeugten, dass die Gegensätze der Völker Europas aus den vergangenen Jahrhunderten endlich überwunden sind: Wir können gemeinsam der Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege gedenken und damit sind wir auch Garanten für ein stabiles, freies und friedliches Europa.

Reg. Rat Theodor PERHAB