Geheimnis um Tote auf dem Marchfeld

In allen Annalen kann man lesen, dass der Landstrich vom Bisamberg bis an die ungarische Grenze „Marchfeld“ genannt wird, dessen Boden als fruchtbar und mit Dörfern und Kirchen übersät, beschrieben wird.

Heute gilt das „Marchfeld“ als südlicher Teil des Weinviertels. Es handelt sich dabei um den nördlich der Donau gelegenen Teil des großen Senkungsgebietes des Wiener Beckens.

In der jüngeren Steinzeit erfolgten gewaltige Vorstöße der „Nordvölker“ ins Gebiet des heutigen Niederösterreich. Zu dieser Zeit kreuzten sich nachgewiesenermaßen bereits Wege von der Ostsee zur Adria, von Süddeutschland und von Südosteuropa im niederösterreichischen Donautal. Die „Bernsteinstraße“ führte über Stillfried und eine zweite Route, der so genannte „Schneiderweg“ aus Südmähren über Staatz–Bockfließ–Gän-serndorf nach Orth an der Donau. Eine Querverbindung stellte der „Wagramweg“ dar, der über die Teiritzschwelle bei Korneuburg an den nördlichen Hügelsaum des Marchfelds und gegen Stillfried führte.

Der Name „Marchfeld“ begegnet uns erstmals 1058 in einem Bericht über die Reise der Kaiserinwitwe Agnes und ihres Sohnes Heinrich IV. in die ungarischen Grenzgebiete.

Der Epiker Konrad von Fußesbrunnen, ein Zeitgenosse des Kreuzfahrers und Minnesängers Hartmann von Aue, sang vom stürmischen Donautal, vom sonnigen, weiten Feldund Wiesenland des Wagram. Er wußte aber auch von Viehherden im Freien und von Wölfen und Räubern in den Wäldern zu berichten .

Die erste österreichische Dampfeisenbahn, die „Kaiser-Ferdinand-Nordbahn“, nahm ihren Betrieb zwischen Floridsdorf und Wagram 1838 auf. Sie bewarb ihre Fahrten so: „An Sonntagen verkehren drei Trains nach Gänzerndorf, vier nach Wagram und zurück. Die Fahrten finden auch bei Schlechtwetter statt.“

Der preußische Feldmarschall Moltke prägte den Satz: „Das Einzige, was von der Geschichte zurückbleibt, ist der Schauplatz, auf dem sie sich abgespielt hat.“ Im Marchfeld sind die Namen – Stillfried, Dürnkrut, Aspern und Wagram – in der Weltgeschichte unvergesslich verankert.

Stillfried, ein Zeilendorf an der March, ist für die Ur- und Frühgeschichte ein bedeutsamer Ort. Außer dem Mesolithikum sind alle nachfolgenden Epochen durch Funde vertreten. Nur beispielhaft herausgegriffen sei das urnenfeldzeitliche Gräberfeld, dessen Bronzetasse vom Typus Stillfried (Hallstatt B), den Ortsnamen international bekannt gemacht hat.

Bei Dürnkrut schlug am 26. August 1278 das Heer Rudolfs von Habsburg den Böhmenkönig Ottokar II.

Die Schlacht bei Aspern begann am Pfingstsonntag, dem 21. Mai 1809 und endete tags darauf am Pfingstmontag, dem 22. Mai. Es war das erstemal, dass Napoleon Bonaparte in offener Feldschlacht besiegt wurde.

Die Schlacht bei Wagram fand am 5. und 6. Juli 1809 statt. In „Prohaskas österreichischungarischen Militärischen Blättern“ (Jahrgang 1876) wird berichtet: „Napoleon befehligte 150 000 Mann und 584 Kanonen, das Aufgebot von Erzherzog Karl zählte 98 000 Soldaten und 410 Geschütze. – Erzherzog Johanns Armee, die von Preßburg herbeieilte, erreichte das Schlachtfeld zu spät.“

Albin Reichsfreiherr von Teuffenbach berichtet in seinen „Geschichtlichen Denkwürdigkeiten“ (S. 562), dass das Schlachtfeld bei Wagram ein grauenvolles Bild der Zerstörung bot: „Weithin lagen tote Pferde, grässlicher Geruch stieg von den Feldern des Todes auf. Tausende Soldaten wurden eingescharrt, des Begrabens war kein Ende.“

Wagram war die entscheidende Schlacht und brachte Napoleon schließlich den Sieg. Darauf wurde mit Österreich der Friede von Wien-Schönbrunn geschlossen.

In. Georg FROHNER, ein Hobbyarchäologe, war im Frühjahr 2004 auf der Suche nach Überresten einer keltischen Siedlung oder einer Kreisgrabenanlage. Anstelle von Kultgegenständen fand er bei Obersiebenbrunn allerdings Skelettknochen und -schädel. Er schaltete die Behörden ein, um die gefundenen Toten allenfalls einer zeitlichen Epoche zuordnen zu können.

Das Geheimnis der Toten von Obersiebenbrunn konnte dank der präzisen Arbeit der Herren LITTMANN von der deutschen Kriegsgräberfürsorge, Verteidigungsattaché Lt.-Col. COLEMAN und OUVRAD von der „Souvenir Napoléonien“ aufgeklärt werden. Man fand bei einem der Toten nämlich eine Uniformjacke mit fünf Messingknöpfen, welche die Zahl 64 trugen. Somit war der Beweis erbracht, dass es sich bei dem Toten um einen französischen Soldaten des Linieninfanterie-Regiments 64 handeln musste: Ing. FROHNER hatte zwar keine keltische Kreisgrabenanlage, dafür aber ein Massengrab entdeckt, in dem die bei der Schlacht zu Wagram gefallenen sowie die im Militärlazarett im Schloss Prinz Eugens in Obersiebenbrunn verstorbenen Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden hatten.

Der Generaldelegierte des „Souvenir Français“ in Österreich, M. Michel LAPIERRE, verständigte Paris. Es wurde der Beschluss gefasst, über dem Massengrab ein Denkmal zu errichten.

Der Bürgermeister von Obersiebenbrunn, Josef SLAVIK, veranlasste, dass das Unterholz über dem Massengrab entfernt wurde. Dann ließ er einen Weg zum Denkmal anlegen und eine Gedenktafel mit der Aufschrift „Franzosen-Friedhof 1809“ errichten.

Die Beisetzung der sterblichen Überreste und die Eröffnung der Gedenkstätte „Fran-zosen-Friedhof 1809“ erfolgte am 22. September 2004 unter der Patronanz des französischen Botschafters M. Alain CATTA. Die letzte Ruhestätte für die freigelegten Skelette bewachten zwei Soldaten des österreichischen Bundesheeres. Der Präsident der A.A.F.Ö. Josef BICHLER veranlasste, dass die ehemaligen Legionäre Johann HAGER und Anton WEINHENGST mit den Fahnen der „Souvenir Français“, der „Anciens Combattants“ sowie jener der A.A.F.Ö. den Gefallenen von 1809 die letzte Ehre erwiesen.

Der Festakt wurde musikalisch durch die niederösterreichische Militärkapelle und die Kinder der Volksschule Obersiebenbrunn untermalt. An diesem Tag wurden zwei Nationen, die lange immer wieder gegeneinander Krieg geführt hatten, vereint.

Reg. Rat Theodor PERHAB